Bullerbü in Gefahr

Ein Ferienhaus in Bullerbü! Wer wünscht sich das nicht?! Viel Kinder auf einem Haufen, die altersübergreifend miteinander spielen, einander akzeptieren, auf einander aufpassen und sich vertragen.

Herrliche Vorstellung?! Absurd!

Unser Ferienhaus steht in Bullerbü. Oder so ähnlich. Üblicherweise sind in den Ferien mindestens 11 Kinder von 3 bis 12 Jahren hier unterwegs. Mindestens. Und das ist mindestens manchmal unglaublich anstrengend. Für die Kinder und für die Eltern.

Einige Kinder wohnen hier immer. Einige Kinder sind hier sehr oft (das ist dann zusammen genommen die 11er-Grundbesetzung). Einige Kinder kommen genau diese Kinder besuchen und bleiben auch jeweils ein paar Tage. Einige Kinder kommen immer wieder in den Sommerferien in angemietete Häuser. Und einige Häuser werden über den Sommer von immer wieder neuen Kinder besiedelt.

So weit so gut. Den genauen Durchblick hat man nach einer Weile zumindest bei der erweiterten Grundbesetzung. Rosa ist die Freundin von Louise, Jasper der Cousin von Paul nebst Geschwistern, und die Zwillinge sind die Patenkinder der Eltern von Leni und Theo. Ok? Dann kommen noch die Enkel der Leute aus dem Jasperschen Nachbarhaus (und dessen Geschwister).

In der Hochsaison wird aus Bullerbü schnell mal ein Ort des Schreckens. Letztens zählte ich 16 Kinder, die in unser Haus Einlass begehrten (und es waren noch nichtmal alle da). NEIN!

Wie schön ist es, dass die Kinder sich so schnell finden! Wie toll für die Feriengäste, dass hier für die Kinder richtig was los ist. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass sie unser beschauliches Örtchen plötzlich als eine Art Resort betrachten, wo die Kinder quasi durch die Dorfgemeinschaft mit betreut werden.

Im Gegensatz zum Haus unseres Nachbarn, der sein Haus nicht selbst bewohnt, sondern in 2 Einheiten an Feriengäste vermietet, gibt es in unserem Garten eine Schaukel und ein Trampolin. Besagter Nachbar beschwert sich gerne mal über den Kinderlärm, der in der Gegend (auch in unserem Garten) entsteht. In seinem Garten kommt es dazu nicht, denn SEINE Feriengäste kommen in unseren Garten, um zu spielen.

Für die erweiterte Grundbesetzung gibt es allgemein bekannte und unter den Müttern grob abgestimmte Grundregeln:

  1. Jedes Kind isst bei sich zu Hause (wobei es überall mal ein Stück Melone, ein paar Kekse oder etwas zu trinken gibt), weil sonst niemand kalkulieren kann, wie viele Kinder am jeweiligen Tag zum Essen erscheinen.
  2. Wenn eine Familie isst, gehen alle anderen Kinder weg, um der Familie eine Familienmahlzeit bzw. überhaupt Familienzeit zu ermöglichen.
  3. Vor 11 Uhr hat jede Familie ihre Ruhe – keiner klingelt, keiner stört. Wer schon spielbereit ist, trifft sich auf der Straße.
  4. Jedes Kind geht zu Hause auf die Toilette.
  5. Jede Mutter / jeder Vater darf die Kinder nach seinem Ermessen aus dem Haus und an die frische Luft schicken, weil das Haus gesäubert werden muss, weil die Kinder zu laut sind oder weil man einfach mal seine Ruhe haben möchte.

Soweit, so gut. Bei allen Eltern und Kindern der erweiterten Grundbesetzung erprobt und für gut befunden. Mit bis zu 14 Kindern reichen diese Regeln vollkommen für eine gewisse Grundharmonie (was nicht heißt, dass die Kinder untereinander keine Kämpfe austragen würden).

Erstmals schwierig war diesen Sommer das Erscheinen der Enkel der Nachbarn von Jasper. Die Großeltern kenne ich vom Sehen, die Eltern und die Kinder hatte ich noch nie gesehen. Bis ich den Jungen vor den geöffneten Schubladen unseres Nachttisches und an einem anderen Tag mit dem Blick in unsere Süßigkeitenkiste fand. Besagter Junge wurde  aus dem Haus verwiesen. Bis dahin hatte ich gedacht, dass die Schlafzimmer fremder Eltern und die Schubladen anderer Leute auch von Kindern als PRIVAT akzeptiert werden.

Es ist schon manchmal ein gewisses Unbehagen dabei, wenn immer wieder neue und fremde Kinder durch unser Haus toben. Wenn unsere Kinder kaum Ruhe bekommen oder mal allein sein können, weil Horden von Fremdkindern das Kinderzimmer besetzen, um Playmobil zu spielen, weil die Eltern in den Urlaub kaum Spielsachen mitnehmen. Kaum eines der Kinder beherrscht eine wichtige Höflichkeitsregel: bei den Erwachsenen des Hauses zu fragen, ob sie auch hinein dürften.

Eher noch wird unser Garten als Fahrzeugverleih betrachtet – hier stehende GoKarts, Roller oder Fahrräder werden teilweise von Urlaubskindern einfach genommen und gefahren. Unsere Kinder müssen dann im Gebiet ihre Sachen suchen und auch noch anfragen, ob sie sie bitte wiederhaben dürften. Im schlimmsten Fall – und auch das ist schon vorgekommen – müssen die Fahrzeuge danach repariert werden, weil die Reifen platt sind oder die Kinder mit den GoKarts auf „Crash“ gefahren sind und die Lenkstangen kostspielig erneuert werden müssen.

Ich predige unseren Kindern immer wieder, dass sie alle anderen Kinder hier so nehmen und akzeptieren müssten, wie sie eben sind, dass sie teilen und abgeben sollen. Das gilt für die Grundbesetzung ebenso wie für die Erweiterung und auch für die Feriengäste. Aber ich erwarte im Gegenzug eigentlich auch von den Feriengästen, dass sie sich wie normale Menschen benehmen, die mit geliehenen Dingen eher vorsichtiger umgehen als mit den eigenen Sachen. Und wenn doch etwas kaputt geht – auch das sage ich meinen Kindern immer wieder – muss man das auch zugeben, damit im Zweifel die Versicherung sich darum kümmern kann.

Wir haben diesen Sommer einige neue familieninterne Regeln aufgestellt:

  1. Die Grundbesetzung kann jederzeit ins Haus hinein, ebenfalls die erweiterte Grundbesetzung, da es sich ausschließlich um Freunde und Verwandte der uns bekannten Kinder handelt.
  2. Unsere offene Tür endet bei allen Feriengästen. Wir kennen weder die Kinder noch die Eltern – dass Eltern sich einmal kurz vorstellen oder gar fragen, ob das für uns so in Ordnung wäre, ist noch NIE vorgekommen.
  3. Es werden keine Getränke oder Eis von unseren Kindern an andere Kinder ausgegeben. Wir haben weder 40 Packungen Capri-Sonne noch mehrere Packungen Eis in unserer Gefriertruhe, um dem Ansturm Stand zu halten, zumal einige Kinder schon selbständig in unseren Schuppen gingen, um sich zu bedienen.
  4. Wir beantworten Ausleih-Fragen von Feriengästen grundsätzlich mit NEIN, da wir in den allermeisten Fällen nicht einmal wissen, in welchem Ferienhaus die Kinder wohnen. Und in einigen Fällen wissen wir, dass die Vermieter absichtlich keine Spielgeräte für Feriengäste zur Verfügung stellen, da sie diese ja dann auch noch warten müssten.
  5. Unsere Kinder betreten die Ferienhäuser nicht, solange wir nicht wissen, mit welchem Kind sie in welches Ferienhaus zu welchen Menschen mit welchem Anliegen gehen. Wir kennen diese Leute nicht – und die Anmietung eines Ferienhauses in unserer Gegend ist nicht automatisch der Beweis, dass es sich um gute Menschen handelt.

Interessanterweise scheinen viele Feriengäste schnell ein großes Urvertrauen in unsere nette Gemeinschaft zu gewinnen. Da kam es schon vor, dass ein etwa 5jähriger Junge gegen 20:00 Uhr durch das ganze Gebiet rief: „Meine Eltern und meine Oma und mein Opa sind nicht zu Hause – kommt, wir können da machen, was wir wollen!“ Da es sich um unser Nachbarhaus handelt, konnten wir die 5 kleinen Jungs vom Entern des Hauses abhalten und haben sie zurück auf die Straße geschickt.

Ein paar Fragen hatte ich im Kopf: 1. warum ist ein 5jähriger allein in einem Feriengebiet, ohne greifbaren Erwachsenen 2. wie lange werden die wohl weg bleiben 3. was wäre, wenn er stürzt 4. was würden sie bei ihrer Rückkehr sagen, wenn 5 kleine Jungs im Wohnzimmer vorm Fernseher sitzen und alle Chips und sämtliche Schokolade im Hause aufessen 5. was würde der Junge wohl machen, wenn alle anderen Jungen gleich zum Essen oder Schlafen reingerufen werden und er allein zurück bleibt

Wer hier einkaufen geht und die Kinder da lässt, gibt den Kindern immer eine Anlaufstelle. Es wird also vorab geklärt, ob andere Eltern verlässlich da sind, um ggf. Pflaster zu verteilen. Eltern fahren hier nicht „einfach weg“.

Natürlich ist es auch diesen Sommer vorgekommen, dass unsere Kinder ein bestimmtes Kind besonders nett fanden. Und das darf dann eben doch mal etwas ausleihen oder bekommt ein Eis. So ist das mit den Regeln hier: die sind nicht in Stein gemeißelt.

Wer in einem Gebiet Urlaub macht, in dem sich einheimische Kinder und Ferienkinder zum Spielen zusammen finden, sollte sich glücklich schätzen und bedenken, dass das Miteinander gewachsen ist und dass die Familien Regeln haben. Es reicht auch dort nicht immer, seine Kinder zum Spielen auf die Straße zu schicken und zu denken, dass sich alles weitere schon von selbst regeln wird bzw. dass die anderen Mütter es schon für einen regeln werden.

Und wer sich als Mutter nicht unbedingt vorstellen mag, könnte ja zumindest den eigenen Kindern immer wieder sagen, dass sie bitte kurz ihren Namen sagen mögen und erzählen, wo sie aktuell wohnen.

Es ist wirklich gar nicht einfach und anfänglich bedurfte es einer ziemlichen Überwindung, Kinder aus dem Haus zu werfen, die ich nicht einmal kenne. Und ich fragte mich schon, was der Junge mit der Nase in meiner Nachttischschublade wohl zu Hause erzählt, warum er bei uns nicht mehr hinein darf. Schnell wird man bei den anderen zu der „doofen“ oder „furchtbar strengen“ Familie wenn man die Hintergründe nicht kennt. Aber ich sehe mich auch ganz und gar nicht in der Pflicht, die mir unbekannten Eltern über das vollkommen unangemessene Verhalten des Sohnes zu informieren.

Manchmal hilft nur noch eins: Kinder ins Auto packen und wegfahren. Einfach mal was mit der Familie machen. Haus abschließen, Schuppen abschließen, Tor zu machen. Weg sein. Am besten bis nachts. Und am nächsten Morgen ist es dann auch wieder schön hier mit den ganzen Kindern. Dann sind die Enkelkinder abgereist und im Nachbarhaus sind schon wieder neue Kinder, die bis zur Zutraulichkeit ein paar Tage brauchen. Die Grundbesetzung hat den Streit von gestern vergessen und spielt in einer neuen Konstellation, weil ein oder zwei Kinder selbst in den Urlaub gefahren sind.

Und dann ist es doch wieder mein Bullerbü!

 

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