Notiz an mich selbst

Ich muss das einfach machen. Ich hätte das schon viel früher machen sollen. Vor 20 Jahren oder so. Vielleicht würde ich heute schon davon profitieren. Aber das ist ja mit vielen Dingen so: hätte ich dann schon angefangen, jede Woche 5 Euro (damals ja noch DM) in meinen Sparstrumpf zu stecken, hätte ich heute – kurz überschlagen und die Zinsen nur grob mitgerechnet – ein Vermögen von etwa 6.500,– Euro angehäuft.

Zu wenig…ich schweife ab.

Es gibt eine Schnittmenge, wie die Frauen um mich herum sich eine gute Oma respektive „ältere Frau“ vorstellen, denn man kann ja nie wissen, ob man auch wirklich mal Oma wird. Diese Vorstellung scheint ziemlich unabhängig davon, wie die Frauen selbst sind. Ich empfinde die Schnittmenge sogar überraschend groß, wenn man bedenkt, dass ich ansonsten die Schnittmenge der Frauen um mich herum oftmals als erschreckend klein empfinde.

Vor allem aber gibt es in meinem Kopf eine konkrete Vorstellung davon, was ich im Alter keinesfalls vergessen möchte. Schon oft habe ich gedacht, dass die Gefahr aber möglicherweise groß ist. Schließlich scheinen unheimlich viele ältere Damen unheimlich viel vergessen zu haben, auch wenn sie nicht grundsätzlich alle vergesslich sind.

Ich nehme mir also vor, mir für die Zukunft einige Dinge aufzuschreiben. Sozusagen ein

Brief an mich selbst (Teil 1 – vorsichtshalber) – zu öffnen in 20+ Jahren

Ich möchte auch in vielen Jahren noch (oder wieder, wenn die Kinder aus dem Haus sind) mein eigenes Leben leben. Wenn die dann erwachsenen Kinder mich an ihrem Leben teilhaben lassen, freue ich mich. Weil ich aber eigene Interessen habe, lebe ich weder das Leben meiner Kinder noch das der Enkelkinder. Diese sind nicht für mein Glück und nicht für meine Beschäftigung verantwortlich. Ich möchte auch dann noch Freundschaften haben, die ich lange gepflegt habe und wieder viel mehr pflegen werde, wenn die Kinder aus dem Haus sind.

Ich kümmere mich weitgehend um meine Belange selbst. Ich vereinbare Friseur- und Arzttermine, ich bestelle Handwerker, ich erledige Überweisungen und Bestellungen. Ich hole meine Medikamente aus der Apotheke und versuche, meine elektronischen Geräte selbst in den Griff zu bekommen. Wenn ich dabei Hilfe brauche, fordere ich diese nicht vehement ein, sondern ich bitte um Hilfe und bin vorsichtig mit der Formulierung „dringend“. Diese Wortwahl soll der Ausnahme vorbehalten sein.

Ich akzeptiere, dass meine Kinder ein eigenes Leben und eigene Vorstellungen von ihrem Leben haben. Das bedeutet, dass die Häufigkeit von Verabredungen, die Teilnahme an Sportkursen, die Wahl der Wochenarbeitszeit, die Entscheidung eines Urlaubsziels, die Anschaffung eines Haustieres, die Sauberkeit der Wohnung oder die Wahl des Partners NICHT von mir verurteilt werden dürfen. Werde ich um Rat gefragt, antworte ich ehrlich, jedoch von meinem Rat abweichende Entscheidungen führen nicht dazu, dass ich verletzt bin oder die Kinder fürchten, mich damit zu verletzen.

Wenn ich Enkelkinder habe und diese betreue oder betreuen darf, mache ich mir klar, dass die allermeisten jungen Leute die Betreuung der Kinder im Alltag auch ohne die Großeltern hinbekommen würden. Ich freue mich darüber, dass die Enkel mir neue Welten eröffnen und mich jung halten. Ich möchte offen sein für die dann neuen Medien – aber ich möchte auch den von den Eltern vorgegebenen Rahmen für Medienkonsum respektieren. Weder verteufle ich die Medien noch setze ich die Kinder vollkommen unkontrolliert vor den Fernseher, damit ich meine Ruhe habe. Und ich mache mir immer wieder klar, dass der Abwasch, der Staubsauger, die Waschmaschine warten können. Und zwar bis die Enkelkinder wieder zu Hause sind.

In Absprache mit den Eltern gehe ich mit einzelnen Kindern zu tollen Orten, die zu ihrem Alter passen. Auf den Spielplatz, ins Museum, zu einer Hafenrundfahrt, zum Shopping, in einen Freizeitpark. Ich möchte eine tolle Zeit mit den Enkelkindern verbringen. Wenn ich nicht mehr lebe, möchte ich, dass sie sich an mich erinnern als eine, mit der sie gespielt haben und Spaß hatten. Ich will nicht unsichtbar sein und in der Erinnerung die sein, die immer gearbeitet hat oder die immer den Fernseher erlaubt hat.

Machen die Enkelkinder Sport, bringe ich sie hin, solange sie mich noch nicht peinlich finden. Ich feuere sie an und unterstütze sie. Aber ich mache das nicht so regelmäßig, dass es selbstverständlich wird. Weder für die Kinder noch für die Enkelkinder noch für mich. Dann bleibt es etwas ganz besonderes, denn ich habe Zeit, wenn die Kinder noch bleiben möchten. Wie das Kinderzimmer aussieht, möchte ich nicht thematisieren. Ich helfe beim Aufräumen, wenn die Kinder mich fragen. Ich erwarte, dass sie mich mit Respekt behandeln.

Möchte ich den Enkeln etwas Größeres schenken, bespreche ich die Ideen mit meinen Kindern. Ich werde sie weder übertrumpfen noch ausstechen. Und vielleicht habe ich auch einmal eine veraltete Idee. Ich biete an, mich an größeren Geschenken zu beteiligen – und wenn die Eltern meinen, dass „es reicht“, ich aber noch Geld im Portemonnaie habe, tue ich es auf ein Konto.

Ich erinnere mich daran, dass ich heute so gerne einmal alleine sein möchte. Dann werde ich meine Tochter zur Kosmetikerin oder zur Fußpflege schicken. Ich werde sie nicht an die Hausarbeit erinnern, sondern ihr ein gutes Buch kaufen. Und wenn sie mich fragt (und nur dann), helfe ich beim Putzen, Streichen, Aufräumen, Ausmisten. Und ich beiße mir auf die Zunge, wenn ich meine, dass sie eine Sache unbedingt und eine andere keinesfalls wegwerfen sollte. Ich werde das gekochte Essen essen, auch wenn es anders schmeckt als meines oder sie einen anderen Topf nimmt als ich ihn nehmen würde. Ich frage sie nicht, ob die Blumen gegossen oder der Hund gefüttert wurden – sie hat das im Griff. DAS ist nicht meine Sache.

Schlussendlich möchte ich erkennen können, wenn meine Kinder andere Dinge wissen als ich. Ich möchte sie bewundern für ihr Wissen und sie um Rat fragen, weil ich weiß, dass sie das Eine oder Andere wirklich besser wissen als ich. Und ich freue mich, wenn meine Erfahrung dazu führt, dass sie mich auch mal um Rat fragen.

Im Austausch mit anderen Menschen möchte ich offen sein für andere Lebensweisen, für andere Meinungen, für andere Hobbys und andere Frisuren. Ich möchte mir meine Toleranz bewahren und nicht über alles und jeden meckern. Nicht über die Nachbarn, nicht über die Politiker, nicht über andere Autofahrer, nicht über Homosexuelle, nicht über Ausländer, nicht über Behinderte, nicht über das Wetter, nicht über meine Gesundheit, nicht über die Benzinpreise, nicht über die Kassiererin, nicht über Boris Becker und auch nicht über die Frau von…Zumindest möchte ich überwiegend positiv denken und sprechen – für alles andere soll mir das Leben zu schade sein.

Und deshalb gehe ich nur dann zum Arzt, wenn ich Beschwerden habe. Ich sitze nicht schon morgens um 8 im Wartezimmer, um noch vor den Berufstätigen dran zu kommen. Ich tausche keine Beipackzettel mit anderen, die mir von der Wirksamkeit bestimmter Medikamente berichten. Dafür interessiere ich mich für die Menschen – und zwar wirklich. Ich frage andere, wie es ihnen geht. Und wenn ich sie frage, dann interessiert es mich auch. Dann will ich versuchen, ihnen zuzuhören.

Ich glaube, ich habe mir viel vorgenommen (und ich glaube auch, dass ich längst noch nicht fertig bin). Aber ich will mich daran erinnern, dass ich die Kinder zwar geboren habe, dass sie aber nicht dafür verantwortlich sind, mein Leben im Alter zu füllen. Es ist mein Leben und ganz allein meine Verantwortung. Und es ist das Leben meiner Kinder und deren Verantwortung.

Hätte ich mir vor 20 Jahren geschrieben, würde ich heute natürlich sagen, dass ich damals gar keine Ahnung hatte. Vom Kinderkriegen, vom Kinderhaben, vom Verheiratetsein, vom Muttersein, vom Kochen und Windelnwechseln, von den Gefahren der heutigen Zeit, von schlechten Kindersendungen und vor allem von Kindergeburtstagen.

Und vielleicht werde ich in weiteren 20 Jahren genau dasselbe sagen, also so ähnlich: vom Loslassen, vom Weitergeben, vom Zurückziehen, vom Altwerden, vom Meckern, von der Welt, von Krankheiten.

Das kann sein! Aber dann will ich nachlesen, versuchen, mich zu erinnern und nicht von meinem heutigen ICH rückblickend Schlechtes denken und mir vorwerfen, ich hätte heute keine Ahnung.

Notiz an mich selbst: aufschreiben, was draus geworden ist!

 

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