Wie schnell Migration misslingen kann

Meine Tochter kam vorgestern fröhlich von der Schule, um mir zu berichten, dass am nächsten Tag ein neuer Schüler kommen würde. Alle wären aufgeregt, berichtete sie. Ihre Freundin Lena freue sich, dass sie neben dem neuen Schüler sitzen dürfe.

Dass er vielleicht noch nicht so gut Deutsch könnte, wurde den Kindern gesagt, die das aber ganz und gar unproblematisch fanden und sich freuten, einem Flüchtlingskind die neue Sprache näher bringen zu können.

Noch Morgens gab ich ihr auf dem Weg, dass sie nett zu dem Jungen sein solle, für den die neue Schule eine ganz neue Umgebung ist, und der vielleicht etwas schüchtern und unbeholfen sei.

„Er kennt sich noch nicht aus und fühlt sich vielleicht auch manchmal alleine. Dann solltest du ihm helfen.“ waren meine Worte.

Wäre mein Kind neu an einer Schule in einem fremden Land, wären – sicher auch kulturgeprägt – meine Worte diese gewesen: „Du bist neu an der Schule und kennst dich nicht aus. Beobachte, was die anderen Kinder machen. Frage, wenn du etwas nicht verstehst. Sei höflich und freundlich. Halte dich erstmal zurück und beobachte viel. Du wirst schnell merken, wer deine Freunde werden können.“

Aufgeregt und traurig kam meine Tochter an diesem Tag aus der Schule.

Es stimme, dass der neue Schüler noch nicht besonders gut deutsch könne. Was er jedoch gut könne, seien die deutschen Schimpfwörter.

Der Junge hat es geschafft, am ersten Tag in einer neuen Umgebung und ohne dass die Eltern in irgend einer Form negativ auf ihre Mädchen eingewirkt hätten, alle Mädchen der Klasse gegen sich aufzubringen.

Er hat nicht beobachtet. Er hat – sicher nicht immer wissentlich – viele Regeln missachtet. Er störte den Unterricht, indem er ständig dazwischen redete. Er bezichtigte Mädchen, ihn beschimpft zu haben. Er entwendete Dinge und schmiss sie durch den Klassenraum. Er sagte, eines der Mädchen hätte einen Stein nach ihm geworfen.

Das Allerschlimmste für meine Tochter war, dass sie das Gefühl hatte, alle Erwachsenen glaubten diesem Jungen, nur weil er neu ist, weil er nicht gut Deutsch kann, weil er ein Flüchtling ist.

Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass an einem einzigen Tag das Weltbild meiner Tochter so ins Wanken geraten konnte.

Ich selbst versuchte noch, sie zu beschwichtigen und ihr zu sagen, dass dieser Junge möglicherweise schlimme Dinge erlebt hätte.

Sie sagte das, was sie bei jedem anderen Jungen auch gesagt hätte: „Wenn der mir was tut, dann kann er was erleben.“

Sie ist kein Mädchen, das Streit anfängt oder gar körperlich wird. Aber sie kann sich wehren und tut das, wenn es nötig ist. Das finde ich gut und richtig. Das hat ihr den Respekt, aber auch die Freundschaft einiger Jungs eingebracht.

Und dann ertappte ich mich dabei, meinem Mädchen, das sich traut, im Sportunterricht auch mit dem stärksten Jungen zu raufen und das von den Jungs gemocht und akzeptiert wird, zu sagen: „Halte dich lieber von ihm fern. Der erste Tag hat gezeigt, dass er nicht davor zurück schrecken würde, dir die Schuld an der Situation zu geben. Da kannst du nur verlieren. Den Ärger bekämest du!“

Ihr Urteil steht nach nur einem Tag fest – und für sie hat das rein gar nichts damit zu tun, dass dieser Junge ein Flüchtling ist: er ist unhöflich, unehrlich und unerzogen, er missachtet die Regeln und stört den Unterricht, er petzt und denunziert. Er stört die Klassengemeinschaft, in der es zwischen den Jungen und den Mädchen zwar Reibereien, aber auch tolle Freundschaften gibt.

Die anderen Jungs der Klasse finden diesen neuen Jungen ganz großartig! Einer, dem die Regeln egal sind, der die Autoritäten nicht achtet, dessen deutscher Wortschatz hauptsächlich aus Schimpfwörtern besteht, der die Mädchen bezichtigt, ihn geärgert zu haben und die dann mal so richtig Ärger bekommen.

Es stört mich massiv, dass von mir politisch korrekt erwartet wird, dass ich das Verhalten des Jungen verteidige und in Schutz nehme. Das würde ich bei allen anderen Kindern nämlich nicht tun. Es stört mich, dass ich meiner Tochter raten muss, dass sie sich mit diesem Jungen besser nicht anlegt, weil all die Gutmenschen dann aufschreien, dass dieser Junge doch ein schweres Schicksal hat und sich deshalb mit vollem Recht daneben benehmen darf ohne irgendwelche Konsequenzen fürchten zu müssen.

Ich war immer der Meinung, dass Integration im Kleinen gut gelingen kann. Dafür bedarf es offener Kinder, offener Eltern, offener Lehrer. Dafür bedarf es aber ganz dringend auch offener Eltern bei dem zu integrierenden Kind und meiner Meinung nach auch einer gewissen Vorbereitung. Man kann kein Kind aus einem gänzlich anderen Kulturkreis mit möglicherweise traumatischen Erfahrungen und sehr wenigen Deutsch-Kenntnissen einfach von heute auf morgen in eine Klasse stecken und denken, dass sich das dann „schon von allein integriert“. Insbesondere dann nicht, wenn sogar die Lehrer Angst davor haben, bei Fehlverhalten mit Konsequenzen zu reagieren – hieße es doch sofort, sie seien „rechte Ausländerhasser“.

Insofern werde ich mich in der nächsten Zeit selbst daran erinnern, dass Integration nur dann gelingen kann, wenn dieser Junge genau so behandelt wird, wie alle anderen Kinder auch. Das heißt, dass ich möglicherweise demnächst dem Schulleiter erklären muss, dass weder wir noch unsere Tochter rechtsradikales Gedankengut in uns tragen, dass sie sich einfach nur gewehrt hat – so wie sie es bei allen anderen Jungen auch getan hätte.

Das ist nämlich unsere Aufgabe: schließlich werden alle Kinder groß, die müssen auch später miteinander klar kommen. Und dann muss es für eine gute Zusammenarbeit im besten Fall egal sein, ob unsere Tochter seine Chefin ist oder er ihr Chef. Die schlechteste Voraussetzung dafür wäre es sicherlich, wenn er bis dahin gelernt hat, dass er mit allen Frechheiten durchkommt und sie bis dahin ihr Selbstverständnis verloren hätte, sich wehren zu dürfen, als Mädchen anerkannt zu sein und gerecht behandelt zu werden.

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